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Lesewoche

17. August –
23. August 2026

Lesewoche zum Buch „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“

Das unablässige Gebet

In Resonanz zur Spiritualität der Ostkirchen

Beim Stichwort Ostkirche können unterschiedliche Gedanken aufkommen. Die Nähe der Moskauer Kirche zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine irritiert. Aber es gab ein Russland vor Putin und Stalin – und da eröffnen sich überraschende Sichtweisen!

Die Geschichte spielt ca. 1865 in Russland. Der Pilger berichtet seine Erlebnisse und Gedanken während eines Weges über 12’000 km in 12 Jahren. Neben einem Brotsack hat er eine Bibel und die Kurzausgabe der Philokalia bei sich – ein Auszug aus einer Sammlung von Texten der Wüstenväter im 4. bis zu den Athos-Mönchen im 15. Jahrhundert.
Die Philokalia gilt als Herzstück der ostkirchlichen Spiritualität. Der Pilger sinniert und zitiert immer wieder daraus. Schon die Erzählebene mit allerlei Begegnungen im russischen Landleben ist überaus abwechslungsreich. Dann aber eröffnen sich in der Tiefe und Weite seiner Gedanken, Gespräche und Zitate aus der Philokalia erstaunliche Einsichten mit sehr aktuellen Bezügen zur Gegenwart.

Unablässiges Beten
Dazu gibt es einige gängige Ansichten wie etwa: «Das ist etwas für Mönche im Kloster» oder «da wird der Mensch als Sünder und Büsser dargestellt». Der Pilger geht auf seinem Weg der Frage nach, was das unablässige Gebet gemäss 1 Thess 5,17 ist. Ein weiser Starez – das waren hochangesehene geistliche Lehrer – erklärt ihm den Sinn und lehrt ihn den Satz «Herr Jesu Christ, erbarme dich meiner». Er trägt ihm auf, dies tausendmal am Tag zu üben. So etwas befremdet in der heutigen digitalen Gegenwart, erst recht in Kombination mit dem Gebot der Unablässigkeit. Man kann doch nicht ständig mit erhobenen Gebetshänden durch die Welt laufen – wir haben doch alle unsere Pflichten und Verantwortungen und müssen uns konzentrieren?!

Unablässigkeit kann aber so verstanden werden, dass eine Haltung entsteht, die auf eine ständige Verbindung mit Gott zielt. Das Gebet ist so nicht ein Ritual, sondern eine Haltung, die es nicht nötig hat, sich anzustrengen, um zu bestimmten Zeiten und Orten das Richtige zu sagen. Vermutlich ist daraus der Begriff

Herzensgebet
entstanden, mit der einfachen Wortfolge «Herr Jesu Christ, erbarme dich meiner». Diese Formel steht wie eine Goldader im Gebirge aller Theologie. Das Herz wurde in der Begriffswelt der Antike als zentraler Ort des Menschen verstanden, mit allem Denken, Fühlen, Sehnen – nicht einfach als Pumpe des Kreislaufs. Das Erbarmen ist Ausdruck einer Haltung, die erkennt, dass der Mensch nicht allmächtig ist, sondern der Hilfe bedarf. Das führt zum

Begriff der Sünde
Die westkirchliche Entwicklung geht in Richtung einer Schuld des Menschen, eines Verstosses gegen Gebote – mithin also eine fast juristische Sicht –, und dies in einer fatalen Weise, wonach der Mensch mit einer Erbschuld belastet sei. Die ostkirchliche Tradition sieht den Menschen nicht derart als Schuldigen, sondern als Heilsbedürftigen: Der spirituelle Weg soll zu einer Annäherung an Gott führen. Die Beichte kann so als aufrichtige Selbsterkenntnis gesehen werden, nicht als zerknirschtes Schuldbekenntnis. Die Wüstenväter und die daraus entstandene Philokalia beschreiben etliche Vorgänge im Menschen fast wie die heutige Psychologie. So etwa die aufdringlichen Gedanken, die den Menschen immer wieder heimsuchen – die Alten haben sie

Logismoi
genannt und den Dämonen zugeschrieben: Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Traurigkeit, Zorn, Trägheit, Ruhmsucht/Eitelkeit, Hochmut. Es ist offensichtlich, dass diese Impulse nach wie vor aktuell sind und unter heutigen Umständen zeitgemäss neu beschrieben werden können. Die Logismoi werden so nicht mehr als Dämonen gesehen, sondern psychologisch interpretiert und teilweise psychotherapeutisch behandelt.
Interessant ist, dass Hochmut als geistliche Überheblichkeit beschrieben wurde, also als die Gewissheit, anderen in spirituellen Fragen überlegen zu sein. Traurigkeit wurde nicht im heutigen Sinn als Depression gesehen, sondern eher als eine Art Frustration wegen unerfüllter Begehrlichkeiten. Aus den Logismoi entwickelte sich im Westen der Katalog der Todsünden – im Kontext der westlichen Schuldbegriffe und Sanktionsdrohungen.
Wie aber kann man sich der Heimsuchung erwehren? Dafür formulierten die Alten und die Philokalia den Begriff

Nepsis
Was in nüchterner Betrachtung etwa heissen könnte: Es ist natürlich, dass Aufdringlichkeiten kommen, aber man soll sich von den Gedanken nicht hinreissen lassen, sondern sie mit Vernunft betrachten und entscheiden, ob man ihnen folgt oder nicht – also eine Art Unterscheidung der Geister, wie sie dann in der ignatianischen Tradition weiterentwickelt wurde. Ziel ist eine Gelassenheit im Sinne des «nada te turbe», wie sie Teresa von Ávila und ein Taizé-Gesang beschreiben. Die heimsuchenden Gedanken können nie beseitigt werden, aber mit spiritueller Konsequenz kann Distanz zu ihnen erreicht werden.

Ost und West
Wir westliche Leserinnen und Leser fragen nach den Unterschieden. Es gibt da Tendenzen, aber beidseits auch Gemeinsamkeiten. Die Ostkirche pflegt beispielsweise die sinnlichen Wahrnehmungen: Der Gesang ist ohne Instrumente, Ikonen stellen ein Fenster zu den himmlischen Heiligtümern dar, die Liturgie ist weniger auf Wort und Ratio gerichtet – und Ähnliches mehr. Es geht weniger darum, eine richtige Lehre zu verstehen, sondern mehr um ein persönliches Streben nach Licht und Heil. Sünde wird weniger als Verstoss gegen Gebote mit strafrechtlichen Folgen gesehen, sondern eher als ein Abkommen vom eigentlichen Lebensweg. Nicht Bestrafung, sondern Heilung ist das Ziel.

Im Westen hat die Kirche als politischer Faktor gestaltenden Einfluss auf geschichtliche Ereignisse ausgeübt; im Osten wurde sie früh Teil der politischen Herrschaft des Zaren. War das auch ein Faktor dafür, dass mystische Bewegungen und Ansichten dort mehr Gewicht bekamen? Es soll nicht gefragt werden, ob Ost oder West richtiger seien, sondern wie die Traditionen in einem «sowohl als auch» erlebt werden können.

Fazit: der suchende Mensch
Die Figur eines Pilgers steht auch für den suchenden Menschen in der Gegenwart. Man ist unterwegs und sucht immer wieder Antworten. Dass Menschen auch ohne besondere Bildung, Berufung, Erleuchtung oder Zugehörigkeit zu Gemeinschaften Sinn und Mut finden, macht Hoffnung.

Die Geschichte des Pilgers ist somit nicht die Busse eines geplagten Sünders, sondern Ausdruck einer tiefen Sehnsucht des Menschen. Der Mensch ist so nicht der Schuldige in einem System von Gut und Böse, sondern berufen, sich auf einen Weg zu begeben und den Logismoi mit Nepsis zu begegnen. Übrigens steht das «ohne Unterlass» in 1 Thess 5 in folgendem Kontext:

«Seid allezeit frohen Mutes, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen.»

Rolf Mägli, 30.9.2026

Fotos: Daniel Ammann, Gabriele Fröhlich, Rolf Mägli

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